Wenn man die Kellerräumlichkeiten im Haus von Lisl Steiner in Mitterolang betritt, mutet sich das wie ein Theaterfundus an, und man fühlt sich wahrlich in der Zeit zurückversetzt. Die rüstige und umtriebige Seniorin verfügt nämlich über ein unglaubliches Sammelsurium an alten Gewändern und dazugehörigen Accessoires, aber auch Möbelstücke, Bilder, Gebrauchsgegenstände für Haushalt und und und… kurzum, alles, was an Zeitzeugnisse von früher gilt, findet sich bei der leidenschaftlichen Sammlerin. Und verstaubt dort nicht etwa ungenützt, denn die „Sigimair Lisl“ teilt ihre Schätze gerne bei unterschiedlichsten Gelegenheiten mit Schaulustigen, um mit ein wenig Nostalgie die Gemüter zu erfreuen.
Lisl Steiner, geborene Neunhäuser, Jahrgang 1952, ist mit Leib und Seele Olangerin. Dort hat sie das Licht der Welt erblickt, dort ist sie aufgewachsen, dort hat sie sich eine Familie und ein gemütliches Heim aufgebaut und dort prägt sie auch das Dorfleben maßgeblich mit. Denn gefühlt ist sie dort, wo ein Rauch aufgeht, mittendrin, Stillstand scheint für Lisl ein Fremdwort, das Energiebündel widmet sich mit vollem Tatendrang den unterschiedlichsten Aktivitäten in Olang und darüber hinaus.
Dabei war das Leben nicht immer ganz leicht für Lisl, Schicksalsschläge und harte Zeiten gab es genügend. Im frühen Kindesalter haben sie und ihre vier Geschwister den Vater bei einem Unfall im Wald verloren, im Jugendalter dann auch noch die Mutter. Als Vollwaisen waren die folgenden Jahre freilich kein Zuckerschlecken, ihrer unbändigen Lebenslust hat das augenscheinlich keinen Abbruch getan, denn die Lisl ist eine wahre Frohnatur, sie lacht gerne und ihr Lachen ist wahrlich ansteckend.
Ihr Haus im Zentrum von Mitterolang, wo sie mit ihrem Mann lebt, spiegelt ihre Lebensfreude wider. Seit über 50 Jahren sind die beiden verheiratet, sie haben zwei erwachsene Kinder und sind mittlerweile auch Großeltern. Im großzügigen Garten der beiden blüht und gedeiht es in allen erdenklichen Farben und Arten, eine wahre Augenpracht. Die Pflanzenwelt ist nämlich eines ihrer größten Hobbys, und aus der reichlichen Vielfalt fertigt Lisl dann auch gerne selbst Blumensträuße an, die sie bei den diversen Anlässen verschenken kann. Aber auch Kerzen für Verstorbene stellt sie unter anderem her, werkeln, basteln, schmücken, das liegt ihr und ihrer Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt.
Das hat sie wohl schlussendlich auch zu ihrer anderen Leidenschaft geführt, für die Lisl mittlerweile weit über die Dorfgrenzen hinaus bekannt ist. Es werden historische Kostüme, vorrangig Trachten, und ähnliches benötigt? Dann wird zunächst einmal bei der Steiner Lisl angeklopft, denn in ihrem Fundus findet sich so ziemlich alles, was das Herz in so einem Fall begehrt. Ihre Kellerräume sind proppenvoll, ja selbst ein Teil der Garage hält als Lagerraum her. Truhen und Schränke mit alten Schätzen, verschiedene Trachten und Dirndln, von der Pustertaler oder bayrischen Tracht über Hochzeitsgewänder bis hin zu edlen oder Alltagstrachten, aber auch Hüte, Tücher, Schmuck, Unterwäsche, alte Bettstätte und Kinderwagen, Puppen, Geschirr und vieles mehr – hier gibt es nichts, was es nicht gibt.
Dabei hat alles eher zufällig angefangen. Im Jahre 2007 wurde Lisl vom Tourismusverein Olang gefragt, ob sie denn nicht mithelfen würde bei den Kostümen für einen Umzug. Damals gab es in Olang die sogenannten Nostalgiewochen, eine Veranstaltung für die Gäste, um ihnen Land und Leute und Traditionen näher zu bringen. Mit viel Herzblut widmete sich Lisl der Aufgabe und entsprechend groß war der Zuspruch. Es kam wie es kommen musste, Lisls Sammellust war geweckt und sollte sie fortan auch nicht mehr loslassen.
Mit großem Enthusiasmus fing sie an, alte Bestände nach Brauchbaren zu durchforsten, im eigenen Haus ihrer Kindheit, aber auch bei Verwandten und Bekannten, die ihr alte Sachen zur Verfügung stellten. Und so hat Lisl im Laufe der vielen Jahre eine stattliche Anzahl an alten Stücken zusammengetragen, die ansonsten womöglich in der Versenkung verschwunden wären, wie etwa die 200 Jahre alte Tracht ihrer Urgroßmutter, bei welcher nur der Rock schon an die 12 Kilogramm wiegt.
Einmal angefangen, hat sich die Nutzung dieser vielen alten Schätze als durchaus willkommen erwiesen. Seit 2008 organisiert Lisl Steiner den jährlichen Umzug im Rahmen des Mitterolanger Kirchtags im September mit, ein beliebtes und gut besuchtes Spektakel mit Musikkapelle, Festwägen und Trachtengruppen. Aber darüber hinaus hat sie ihr Organisationstalent, was die alten Kostüme betrifft, auch bei etlichen anderen Gelegenheiten unter Beweis gestellt, sei es bei verschiedenen Trachtenschauen und Umzügen in Südtirol und über die Landesgrenzen hinaus, sei es bei speziellen touristischen Events oder gar bei Fernsehsendungen.
Was Lisl aber am meisten am Herzen liegt, ist ihr Engagement für Seniorinnen und Senioren. Es dürfte wohl keine große Überraschung sein, dass für so einen lebenslustigen Menschen auch Musik eine wichtige Rolle spielt. Die Lisl singt gerne und sorgt, ob alleine oder mit Gleichgesinnten, mit spaßigen Auftritten bei Geburtstagsfeiern und in Seniorenheimen für ordentlich Stimmung. Und immer wieder organisiert sie für und mit Seniorinnen und Senioren Trachtenschauen und vereint mit all ihren Aktivitäten somit ihre Herzensanliegen: Soziale Freiwilligenarbeit, Kreativität, geselliges Beisammensein und Lebensfreude.
Dass all der Tatendrang, ihre vielen – wenn auch stets willkommenen – Verpflichtungen, Anfragen und Hobbies sehr viel Zeit in Anspruch nehmen, ist Lisl durchaus bewusst, aber sowohl Gästen als auch den Einheimischen ein Staunen oder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und ein wenig Freude zu bereiten, ist Lisl Antrieb genug. Natürlich steckt hinter ihren Leidenschaften und ihrem Engagement eine Riesenarbeit. Wechselnde Mottos bei den Trachtenschauen und bei den Umzügen müssen überlegt, trotz des enormen Fundus immer noch das eine oder andere aufgetrieben, was nicht passend ist passend gemacht, Auftritte und Überraschungen geplant, ihre Sammlung koordiniert und gepflegt werden und und und…
Und wenn Lisl dann einmal doch zur Ruhe kommt, schmökert sie auch mal gerne in ihrem Bild- und Filmmaterial, denn gemäß ihrer umfassenden Freizeitgestaltung ist ihr Foto- und Filmarchiv dementsprechend breitgefächert… und mit Sicherheit noch nicht am Ende angelangt. Denn, wer rastet, der rostet – nicht mit einer Lisl Steiner!