Wer die Klinke der Tür eines Schuhgeschäfts runterdrückt, hat eine klare Mission: Neue Schuhe müssen her. Das ist im Schuhgeschäft Mutschlechner in Mitterolang mitunter nicht anders, selbstredend. Und doch suchen Kundinnen und Kunden das Geschäft auch aus anderen Gründen auf. Um auf den Reparaturservice zurückzugreifen etwa, eine Dienstleistung, die heutzutage eher rar gesät ist. Oder um einfach kurz zu grüßen und, wenn es die Zeit erlaubt, durchaus auch ein wenig zu plaudern mit dem einen oder anderen Familienmitglied. Denn wie so viele alteingesessene Läden in Dörfern, erfüllt der Familienbetrieb der Mutschlechners über seine eigentliche Funktion eines Handwerksbetriebes und Schuhgeschäfts hinaus noch eine ganz andere Bestimmung, nämlich die eines gern besuchten Treffpunkts.
Über die Schwelle treten und ein wenig Nostalgie einatmen – willkommen im Schuhgeschäft Mutschlechner! Auf den ersten Blick präsentiert sich der größenmäßig eher bescheidene Verkaufsraum wenig aufgeregt: Schuhkartone wohin das Auge reicht, zum Teil bis an die Decke gestapelt, ausgestellt sind nur wenige Modelle, hier ist scheinbar Understatement angesagt. Der Schein trügt. Von eleganten bis sportlichen Damen-, Herren- und Kinderschuhen und dazugehörigen Accessoires wie Strümpfe, Taschen, Gürtel und ähnliches … Bei Bedarf entpuppt sich das Geschäft als wahre Wundertüte. Priska und Monika, Inhaberinnen des Schuhgeschäfts in zweiter Generation, wissen „wo der Schuh drückt“, was benötigt wird und wo sie das auch finden. Das Angebot ist buntgemischt, keine Massenware allerdings, die Schwestern setzen auf Qualität statt Quantität. Made in Italy oder in Südtirol, kurze Lieferwege, meist kleinere Produzenten, eine fachgerechte Beratung und adäquate Betreuung, das ist ihr Erfolgsgeheimnis. Für die Kunden den jeweils passenden Schuh zu finden und sie damit zufrieden zu stellen, ist das höchste Firmencredo, reingequatscht in einen unnötigen Kauf wird hier niemand. Ein traditionelles Schuhgeschäft wie anno dazumal, als der Kunde noch König war, jeder einzelne persönlich betreut, keine reine Verkaufsstätte, sondern ein echter Handwerksbetrieb. Und siehe da, im hinteren Teil des Geschäfts gibt es sie noch, die kleine Werkstatt, in der Seniorchef Josef Mutschlechner seinen Reparaturtätigkeiten und den Flickarbeiten nachgeht, Tag für Tag, mit nunmehr stolzen 92 Jahren.
Wir schreiben das Jahr 1953, als Josef, die Meisterprüfung als Schuster in der Tasche, erstmals in seinem Heimatdorf Mitterolang in einer kleinen Kellerräumlichkeit seine Fertigkeiten feilbietet. Zunächst verdingt er sich seinen Lebensunterhalt mit kleinen Reparaturen, er fertigt Schuhe auf Maß an, schließlich erweitert er sein Angebot Schritt für Schritt um den Verkauf verschiedener Schuhmodelle – und marken. Im Jahre 1960 heiratet er seine Frau Frieda, bis heute ist sie an seiner Seite. Die beiden bekommen vier Kinder, drei Mädchen und einen Jungen. Die Zeiten sind nicht immer leicht, ökonomisch wie politisch gibt es genügend Wirrungen, gemeinsam ein Geschäft aufzubauen und nebenbei vier Kinder großzuziehen ist eine Herausforderung mit Höhen, aber auch vielen Tiefen, der sich das Ehepaar Mutschlechner stellen muss, ein Balanceakt, den es zu stemmen gilt. Im Laufe der Jahre quartieren sie sich in verschiedensten Standorten ein, im Jahre 1992 beziehen sie schließlich die heutigen Räumlichkeiten am Peter Sigmayr Platz 1/b.
Mit Leidenschaft und unermüdlichem Geschick übt Josef über die vielen Jahre hinweg seinen erlernten Beruf aus, erledigt Flickarbeiten, fertigt Rucksäcke oder Gürtel an, vor allem aber Schuhe, vorrangig Bergschuhe. Eine Mammutarbeit, alles ist von Hand genäht, zahlreiche Arbeitsstunden, die im Grunde unbezahlbar sind und bleiben. Wie viele Leisten der Seniorchef im Laufe des Lebens angefertigt hat ist, aufgrund der Fülle, gar nicht bezifferbar.
Die Mutschlechner-Kinder wachsen wie selbstverständlich mit dem und teils auch in dem Geschäft ihrer Eltern auf und schauen Vater Josef bei seiner Arbeit über die Schulter, die einen sind mehr fasziniert, die anderen weniger. Schlussendlich übernehmen zwei der Töchter, Priska und ihre ältere Schwester Monika im Jahre 2006 offiziell den elterlichen Betrieb. Das Schusterhandwerk erlernt haben sie allerdings beide nicht, sie machen indes eine Ausbildung im Handel als Verkäuferinnen. Es ist ein wahrer Glücksfall, dass Vater Josef sich bis heute guter Gesundheit erfreut und nach wie vor jeden Nachmittag in der kleinen Werkstatt mit Freude und Elan Flickarbeiten verrichtet. Die Menschen wissen es zu schätzen, die Kundschaft kommt von nah und fern, schließlich gibt es heutzutage und nicht nur hierzulande nur mehr wenige, die das Schusterhandwerk ausüben beziehungsweise Reparaturen anbieten, meist sind es Orthopädiefachgeschäfte. Für Josef Mutschlechner war das aber immer eine Herzensangelegenheit, Schuhe sollen den gebührenden Stellenwert haben, und die Kundschaft soll sich an ihren geflickten Schuhen wieder erfreuen können, darauf kommt es ihm an. Für die Töchter Antrieb genug, das Lebenswerk der Eltern weiterzuführen. Und auch wenn sie selbst keine gelernten Schusterinnen sind, so haben sie ein gewisses Talent wohl in die Wiege gelegt bekommen, sich das eine und andere vom Vater abgeschaut und können demnach sehr wohl bei kleineren Reparaturen auch selbst Hand anlegen.
Denn auch künftig einen Reparaturservice anbieten zu können, liegt den Schwestern gleichwohl am Herzen, wie bei ihrer Kundschaft das Bewusstsein für ein gutes Schuhwerk zum Wohle ihrer Gesundheit zu schaffen. Und letztlich zählt die Zufriedenheit der Kundinnen und Kunden als Genugtuung und Motivation, darin ist sich Familie Mutschlechner einig. Ein leuchtendes Beispiel für einen traditionellen Familienbetrieb, in einer Welt der Wegwerfgesellschaft und der Online-Käufe, eine kleine Oase des Handwerks und der Fachkompetenz, die einem Dorf das so notwendige Leben und eine wohltuende Seele einhaucht …